Die Anlage

Die Größe des umzäunten Sperrgebietes mit der ehemaligen Pulverfabrik “Eibia GmbH Anlage Karl” in der Eickhofer Heide ist wahrhaft atemberaubend. Sie beträgt etwa 12 Quadratkilometer. Die “Anlage Karl” ist perfekt getarnt und gleicht einer unsichtbaren geheimen Stadt. Auch auf Satellitenfotos und Luftaufnahmen ist nur wenig zu sehen. Die Anlange bestand vor 1945 aus über 300 getarnten Gebäuden, davon 21 unterirdischen Bauten. Aus Sicherheitsgründen lagen die Gebäude weit auseinandergezogen über das Gelände verteilt. Für eine unabhängige Energieversorgung sorgten zwei Kohle-Kraftwerke auf dem Gelände sowie ein Diesel-Reservekraftwerk. Zu den Kraftwerken gehörte ein gigantischer Kohlebunker mit einer Kapazität von 30.000 t und einem Laufkran. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Kohlekraftwerke auf Gas umgestellt. Die riesigen, zur Produktion erforderlichen Wassermengen wurden mit Pumpwerken aus 70 Brunnen gefördert. Unter Vollast soll der Wasserverbrauch den der Großstadt Bremen übertroffen haben. Das Straßennetz auf dem Eibia-Gelände hatte eine Gesamtlänge von 84 km.

 

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Eines der zahllosen Betriebsgebäude der “Pulverfabrik” auf dem Eibia-Gelände (Foto vom Juni 2007)

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Alte Gebäudekennzeichnung aus der Zeit des Dritten Reiches

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Straße mit getrarntem Betriebsgebaüde auf dem Eibia-Gelände. Manche der Straßen - wie die hier abgebidete - verliefen unterflur. (Foto vom Juni 2007)

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Ein weiteres kleines Betriebsgebäude mit Dachtarnung der “geheimen Stadt” auf dem Eibia-Gelände. Es befindet sich neben einem Feuerlöschteich und war vermutlich ein Gebäude der Eibia-Feuerwehr (Foto vom Juni 2007)

Wasserwerk

Über eine ganz schmale, für Ortsunkundige kaum auffindbare, kilometerlange asphaltierte Straße mitten durch den Wald südlich Liebenau, gelangt man zu diesem Wasserwerk der Eibia-Anlage. Es liegt in einer Lichtung unmittelbar am Zaun. Ursprünglich befand es sich auf dem Sperrgebiet, heute verläuft der Zaun unmittelbar hinter dem Wasserwerk. Der Baustil entspricht weitgehend dem der Produktionsbauten auf dem Eibia-Gelände. Das charakteristische Flachdach mit dem abgerundeten Vorsprung war ürsprünglich zur Tarnung mit einer Bepflanzung versehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Flachdach mit einem zusätzlichen Stockwerk überbaut. Aus jener Epoche ist auch die Beschriftung “HWW 1951” (HWW = Harzwasserwerke). Foto vom November 2005.

Das Eisenbahn-Netz auf dem Eibia-Gelände hatte eine Gesamtlänge von über 30 km, wenn man das gesamte Anschlußgleis außerhalb des Sperrgebietes und den Hafenanschluß in Liebenau hinzurechnet, sogar über 40 km. Das Gleisnetz war über den Bahnhof Liebenau an die Strecke Nienburg-Uchte-Rahden angeschlossen. Der Weserhafen in Liebenau wurde eigens für die Eibia gebaut. Hier konnten Massengüter (z.B. die Kohle für die werkseigenen Kraftwerke) direkt vom Binnenschiff auf die Eisenbahn verladen werden. Außer über den Gleisanschluß des Bahnhofs Liebenau konnte der Hafen über eine Abzweigung von der Anschlußstrecke der Eibia zum Bahnhof auch direkt vom Eibia-Gelände mit der Bahn angefahren werden. Dadurch brauchten die Kohlewaggons nicht auf dem Bahnhof umrangiert werden. Die Eibia Liebenau verfügte über 6 Werkslokomotiven (2 Dampfloks, 2 Dieselloks und 2 Dampfspeicherloks).

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde über das Gleisnetz auch das Bundeswehr-Depot im Nordwesten des Areals, sowie das Lkw- und Panzerreparaturwerk der Britischen Armee am “Pinewood Camp” angefahren.

 

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Die Eisenbahnbrücke des Bahnanschlusses der Eibia über die Aue wurde um 1939 gebaut. 

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Die Auebrücke von oben gesehen. Unter der Beton-Abdeckung befindet sich eine Leitung, die ursprünglich als Abwasserleitung der Pulverproduktion diente (Foto vom November 2012).

Eisenbahnbrücke

Sehr massiv und stabil gebaute Eisenbahnbrücke auf dem Eibia-Gelände nördlich Steyerberg. Die Eisenbahn überquert hier die Nord-Süd-Straße des Areals, die vom Südtor (Steyerberg) bis zum Lager Mainsche auf der Nordseite führt (Foto vom Oktober 2006).

Südtor

Südliche Einfahrt in das Eibia-Gelände bei Steyerberg. An dieser Einfahrt ist die bedrückende, an die Zeit vor 1945 und den Kalten Krieg nach 1945 erinnernde Atmosphäre besonders ausgeprägt. Im Hintergrund hinter dem Tor erkennt man die Eisenbahnbrücke, die auf dem Foto weiter oben abgebildet ist. Die Straße quert das Eibia-Gelände von Süden nach Norden bis zum Lager Mainsche. Sie ist rund 3 km lang. Die vor dem Tor nach rechts abzweigende Straße führt zum Chemiewerk der Degussa-Hüls AG (Foto aus den 90er Jahren).

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Hauptzufahrtstraße zur Eibia (später Verwertchemie 2, zuletzt Eurometaal) nordwestlich Liebenau nahe dem “Pinewood-Camp”. Wie aus den Verkehrsschildern hervorgeht, war es Unbefugten sogar verboten, hier bis zum Tor des Sperrgebietes vorzufahren. In diese Straße durfte man nicht einmal einbiegen. 

Die “Eibia GmbH Anlage Karl” wurde im Zweiten Weltkrieg nicht bombardiert und fiel den britischen Truppen am 10.April 1945 völlig unversehrt in die Hände.

Da in Teilen der Anlage nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1993 weiter produziert wurde, kann man vermuten, daß die Bauten bis heute weitgehend erhalten sind. Allerdings sind sie in der Feuchtigkeit des Waldes dem Moder und dem Verfall preisgegeben und werden allmählich zu Ruinen. Das Gelände ist noch heute (2006), über 10 Jahre nach dem Abzug der letzten Munitionsfabrik und der Militärs, vollständig eingezäunt, hermetisch abgeriegelt und darf nicht betreten werden. Die Abschirmung der Anlage, sowie auch die Verschwiegenheit der Bevölkerung hatten bis in die 90er Jahre jede historische Aufarbeitung verhindert.

 

 

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Externe Links:

martinguse.de

Die Pulverfabrik (pdf-Datei)

Ostarbeiterlager

Steinlager

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