Das Bruch
 

Spätsommer in der Einsamkeit: Wetscherbruch

Ist das ein Himmel?:
Selig lichtes Blau,
in das sich immer reinere Wolken drängen,
und drunter alle Weiß in Übergängen,
und drüber jenes dünne, große Grau,
warmwallend wie auf roter Untermalung,
und über allem diese stille Strahlung
sinkender Sonne.
Wunderlicher Bau,
in sich bewegt und von sich selbst gehalten,
Gestalten bildend, Riesenflügel, Falten
und Hochgebirge vor den ersten Sternen
und plötzlich, da: ein Tor in solchen Fernen,
wie sie vielleicht nur Vögel kennen...

[Rainer Maria Rilke]
 

Unter einem Bruch versteht man ein mit Schwarzerlen, Weiden und Eschen undurchdringlich bewaldetes Niedermoor (Bruchwald). Der Bereich zwischen dem Dümmer See, Diepholz und Wagenfeld war früher mit solch einem, durch die Hochwasser des Sees periodisch gefluteten Bruchwald bedeckt. Im Lauf von Jahrhunderten wurde der Bruchwald gerodet, trockengelegt und in Wiesen- und Weideland umgewandelt.

Früher war das Bruch herrschaftliches Eigentum. Es wurde nach und nach an die Bauern vergeben bzw. Allmende. Die Rodung begann bereits während der Grafenzeit im 14. Jahrhundert und erreichte im 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Die Weidenutzung erfolgte neben den Eigentümern auch durch sogenannte Weideberechtigte. Das Bruch war dadurch eine Art von Gemeinschaftsweide, auf der die Bruchbauern als Hirten arbeiteten.

Das Bruch war bis auf die einsamen Höfe der Bruchhirten nahezu unbesiedelt. Diese Höfe nannte man “Bruch-Hütten”, bzw. “Wiesenhütten”. Ursprünglich waren sie teilweise einfache Erdhütten und hatten den Bauern während der Heumahd als Übernachtungsmöglichkeit gedient, im 19. Jahrhundert übernahmen die Hirten die Hütten und bauten sie mit Hilfe der Bruchgenossenschaften als kleine Gehöfte aus. Die Bruch-Hütten verfügten später über eine kleine Gastronomie, in der sich im Sommer die Viehbesitzer trafen. Auf alten Landkarten findet man bis in die 1970er Jahren die Bezeichnungen “Wirtshaus Diepholzer Bruchhütte”, “Wirtshaus Rehdener Hütte” usw. Jedes Jahr fand im Frühjahr ein großer Viehauftrieb von Diepholz und den umliegenden Dörfern auf die Weiden des Bruches statt. Der Straßenname “Triftweg” in Diepholz erinnert noch daran. Neben Rindern wurden auf den Bruch-Weiden auch tausende Hausgänse gehalten. Eine Kolonisation des Bruch mit Bauern- und Siedlerhöfen wurde erst nach weiteren Meliorationsprojekten im 20. Jahrhundert möglich. Deshalb findet man im Bruch kaum alte Bauernhöfe, sondern zum weitaus größten Teil Siedlerhöfe aus den 1930er bis in die 1950er Jahre. Allerdings sind heute nur noch sehr wenige in ihrem ursprünglichen Baustil zu erkennen, da die meisten in den letzten drei Jahrzehnten modern überbaut wurden.

Noch heute ist das Bruch eine riesige einsame Ebene. Die Landschaft verändert sich jedoch allmählich, da im Zeitalter der quasi-industriellen Landwirtschaft der Bedarf an Weideland geringer wird. So treten an die Stelle der Weiden und Wiesen zunehmend Felder zur Viehfutterproduktion, neuerdings teilweise auch zur Produktion von Biogas. Auch die zahllosen Baumreihen, die als Windschutz für die Felder gepflanzt wurden, vermindern den Eindruck einer großen Weite. Seit einiger Zeit zerstören zunehmend auch die über das ganze Bruch verteilten Windkraftanlagen das historische Landschaftsbild.

Die Straßen im Bruch wurden vor einigen Jahren speziell für Radwanderer ausgeschildert. Die Schilder sind auch für Autofahrer hilfreich. Andernfalls könnte man in der Weite die Orientierung verlieren.

 

>> [...] Die Grünlandnutzung wird insgesamt wirtschaftlich immer unattraktiver. Das ist ein Ergebnis des Versagens der Politik; denn bei der Agrarreform von 1992 wurden die Milchbauern eindeutig benachteiligt. Während die damals eingeführten Preissenkungen bei Getreide und Raps durch direkte Ausgleichszahlungen kompensiert wurden, gab es für die ebenfalls abgesenkten Milchpreise keinen Ausgleich. Diejenigen Bauern also, die weiterhin ihre Kühe art- und umweltgerecht im Sommer auf die Weide trieben und für den Winter Gras mähten und als Heu oder Silage konservierten, gingen leer aus. Diejenigen aber, welche den Kühen statt Gras lieber Maissilage zum Fressen vorlegten, bekamen Ausgleichszahlungen in Form der sogenannten Maisprämie. Das trieb die Kühe vom Grünland in den Stall. Weil das Grünland “unrentabel” geworden ist, werden aus bunten Wiesen monotone Äcker. In den alten Bundesländern sind in den letzten zwanzig Jahren 25 Prozent des Grünlands verloren gegangen - eine dramatische Entwicklung, die den schleichenden Tod für viele einst wiesenbewohnende Arten mitbringt: Wiesenvögel wie Grauammer, Schwarzkehlchen, Braunkehlchen, Wiesenpieper und viele anderer Arten verlieren ihren Lebensraum [...] Heute bleiben die Kühe weitgehend im Stall und leben in neu gebauten Boxenlaufställen, deren Bau mit 30 bis 60 Prozent der Investitionssumme staatlich - sprich: mit unseren Steuergeldern - subventioniert wurde [...] Rationelle Fütterungssysteme halten Einzug. Kühe bekommen Maissilage, Rübenblattsilage und Kraftfutter, dessen Getreideanteil ebenfalls vom Acker stammt [...]<<

[Zit. aus: Angres, Hutter, Ribbe “Futter fürs Volk - Was die Lebensmittelindustrie uns vorsetzt” - ein Report aus der Unterwelt von Lebensmittelindustrie, Agrarpolitik und industrialisierter Landwirschaft, 2001]

25.05.08 003

Eine der wenigen Stellen, an denen das Bruch weitgehend noch im “Originalzustand” erhalten geblieben ist, das heißt: Wiesen ohne Zäune soweit das Auge reicht (Mai 2008), doch auch hier gilt: >>[die Intensivierung] der Bewirtschaftung [...] führt durch häufiges Schneiden und hohe Stickstoffgaben dazu, daß das Grünland nur noch wenige Pflanzenarten aufweist. Nicht mehr bunt blühende Kräuterwiesen [...] sondern monotone “Grasäcker” sind dort anzutreffen. Grasäcker im wahrsten Sinn des Wortes, denn auf leichteren Böden wird Grünland heute in einem drei bis fünfjährigen Turnus umgepflügt und mit Hochleistungsgrassorten neu eingesäht.<< [Zit.: Angres, Hutter, Ribbe, Futter fürs Volk - was die Lebensmittelindustrie uns vorsetzt]

>> [...] Östlich am See vorbei zieht sich bis Diepholz das große Bruch, feucht, karg und heute noch einsam. Eine rechte Schnapsgegend, scheint es, wo man nur mit Alkohol über die Runden kommen kann. Hier gibt es auch heute noch keine geschlossenen Siedlungen, sondern nur Einzelhöfe. Die jüngsten sind erst im zweiten Jahrhundertviertel als Neusiedlerstellen erbaut worden. [...] Noch vor gar nicht langer Zeit trieben die Landleute der Umgebung in der warmen Jahreszeit einfach ihr Vieh hierher, um es dann monatelang in der Aufsicht eines Bruchwirtes zu lassen. Sein Haus war das einzige weit und breit. [...] Manches ist seither anders geworden, aber eine bei Schlechtwetter oder im Winterhalbjahr etwas unheimliche Gegend ist das Bruch bis heute geblieben.<<

[Klaus Seehafer, Der Dümmer See in Farbe, 1980]

25.05.08 001
29.03.09 004

Die “Graft”, einer der großen Haupt-Meliorationskanäle im Bruch. Der Kanal fließt bei Burlage als “Omptedakanal” aus dem Dümmer, durchquert das gesamte Bruch von Süd nach Nord und mündet bei Diepholz in die Grawiede. Das Foto entstand im März 2009 im Rehdener Bruch.

© Otwin Skrotzki

Diepholzer Bruch

Auf der Holztafel steht die Aufschrift: “50 Jahre Diepholzer Bruch 1936 - 1986”, ein Hinweis darauf, daß das Bruch, abgesehen von den alten Bruch- und Wiesenhütten, erst während der NS-Zeit kolonisiert wurde. Hinter der Tafel sieht man statt einer Wiese ein Maisfeld, ein Symptom der Entwicklung des Bruch seit den 1990er Jahren.

Wetscher Wiesenhütte

Die Wetscher Wiesenhütte

29.03.09 003

Im Bereich des Wetscher Fladder befindet sich auf einem kleinen, rechteckigen baumbestandenen Flurstück diese schlichte Gedenkstätte mit einem einfachen Holzkreuz. Auf einer hölzernen Tafel steht folgende Inschrift: >>Daß da Mütter sagen, sie haben keine Kinder. Daß da Kinder sagen, sie haben keine Väter. Daß da Erdhügel sind, die keine Auskünfte geben. (B.Brecht 1942)<< Es folgen auf der Tafelinschrift 14 russische Namen, darunter der Satz: >>14 sowjetische Kriegsgefangene. Sie starben hier im Mai 1942.<< Näheres darüber, was hier in der Einsamkeit des Bruch im Jahre 1942 geschah, wurde - soweit dem Autor bekannt - noch nicht in Presse oder Buch veröffentlicht. Vermutlich handelt es sich um das Kriegsgefangenenlager “Wetscherbruch” mit der Kommando-Nr. 5672, das auf einer erhaltenen Lagerliste einer Wehrmachtseinheit aufgeführt ist. In dem Lager befanden sich laut der Liste 88 sowjetische Gefangene. (Foto vom März 2009)