Deckertau
 
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Das undurchdringliche Wietingsmoor bei Deckertau (September 2007)

Mitten im Wietingsmoor, in tiefster Einsamkeit, von Moor umschlossen und nur über eine einzige schmale Straße, sowie eine der Straße parallel laufende Moorbahn erreichbar, liegt das zur Diakonie Freistatt gehörende Deckertau. Es besteht nur aus einigen wenigen Gebäuden und Schuppen auf einem rechteckigen Grundstück westseitig der Straße. Auf der diesem Grundstück gegenüberliegenden Seite der Straße befindet sich die “Schäferei Deckertau”. Deckertau ist nach Hermann Deckert, einem pensionierten Forstrat benannt, der als Vorstand in Bethel 1879 die Einrichtung der sogenannten “Notstandskolonie” (Arbeiterkolonie für “Wanderarme”) Freistatt mit beschlossen hat.

Deckertau war von 1939 bis 1962 ein Außenlager der Erziehungsanstalten der Diakonie Freistatt. Es bestand damals aus dem Wohnhaus des Heimleiters und einem vergitterten Unterkunftsschuppen für die Fürsorgezöglinge. Die gefangenen Fürsorgezöglinge wurden als unentlohnte Zwangsarbeiter im Moor für die Torfwirtschaft der Diakonie eingesetzt. Die Bedingungen waren schrecklich, von Brutalität, Schlägen, Demütigungen, Kommandogeschrei und erschöpfender monotoner Arbeit in gebückter Haltung in eng zugeschnürten Holzbotten (Holzschuhen, die eine Flucht erschweren sollten) bei Hitze und Kälte bestimmt und unterschieden sich eigentlich nicht von denen eines Straf- und Arbeitslagers. Das kann heute von noch lebenden Zeitzeugen belegt werden. Deckertau ist ein eindrucksvolles Beispiel der Lagerwelt der Moore. Heute erinnert fast nichts mehr an jene Zeit. Alle Spuren wurden getilgt, eine Gedenktafel fehlt, und auf einer Informationstafel über das Freistätter Moor, die wenige hundert Meter südlich Deckertau an der Moorbahn-Haltestelle “Neukultur” aufgestellt ist, wird die Tatsache, daß der Torfabbau im wesentlichen durch die Zwangsarbeit der Fürsorgezöglinge aus Freistatt und Deckertau erfolgte, sowie die Tatsache, daß die Diakonie das Torfwerk als Wirtschaftsunternehmen betrieb und den abgebauten Torf verkaufte, einfach verschwiegen. Der Umgang mit belastender Vergangenheit und Schuld ist hier also von Verdrängen, Vergessen und Verschweigen bestimmt (Stand vom Sommer 2007).

 

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Der Schuppen, der anstelle der 1963/64 abgebrochenen vergitterten Zöglingsunterkunft in Deckertau errichtet wurde aus nordwestlicher Richtung gesehen (September 2007)

>>[...] 1901: Beginn des Torfstechens mit 86 männlichen und 12 weiblichen Wanderarbeitern aus Russisch-Polen; sie wohnen in den “Polenbaracken” (später umbenannt in Deckertau) [...]

1906: Ausbau von Neu-Freistatt (später Deckertau) [...].

1907: [...] Alt-Freistatt hat Platz für 300 Wanderarme; die Pensionäre [Suchtkranke] sind in der Pension und Deckertau untergebracht; die Jungendlichen belegen die vier Häuser Moorhort, Moorstatt, Moorhof und Moorburg. [...]

1.4.1909: Einweihung des Hauses Deckertau. [...]

1932: Deckertau wird von den Pensionären geräumt, weil es für den Freiwilligen Arbeitsdienst benötigt wird (1937 ist es wieder mit Pensionären belegt). [...]

20.11.1933: für Deckertau ist die Anwesenheit des Freiwilligen Arbeitsdienstes belegt. [...]

nach 1939: Deckertau als fünftes Erziehungsheim mit Jugendlichen belegt. [...]

1962: Neubau des Jungenheimes Neuwerk [in Freistatt] als Ersatz für Deckertau [...]

[1963 oder 1964 wird der vergitterte ehemalige Zöglingsschuppen in Deckertau abgebrochen (Anm. des Autors dieser Webseite)]

1982: Renovierung von Deckertau. [...]

November 1991: aus Deckertau als Teil des Sozialhilfebereichs wird ein Zentrum für Naturschutz. [...]<<

[Zitate aus: Motzkau-Valeton, Streiflichter aus der Geschichte der Diakonie Freistatt, Schröderscher Buchverlag, Diepholz]

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Einfahrt in das ehemalige Erziehungslager (Fürsorgeerziehung) Deckertau, mitten im Wietingsmoor, Dezember 2007. Eine Gedenktafel für die für ihr Leben geschädigten und gedemütigten Opfer sucht man hier bislang vergebens. 

Vorschlag für die Inschrift einer Gedenktafel, die man an der Einfahrt nach Deckertau (Bild links) anbringen könnte:

“Hier wurden zwischen 1939 und 1962 im Jugendfürsorge-Erziehungslager Deckertau der Diakonie Freistatt zahlreiche Jungen durch brutale Erziehungsmethoden, Gefangenschaft, Gewalt und Zwangsarbeit um ihre Jugend gebracht.”

 

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Kraniche in Deckertau, November 2008

© Otwin Skrotzki.